Ist die Macht der Reichen und Mächtigen der Welt noch kontrollierbar?
12.10.2026 |
Beim Vortragsabend des Bildungswerks Achern erläuterte der Theologe Matthias Hugoth die Enzyklika „Magnifica humanitas“ von Papst Leo XIV. und ihre Fragen zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz.
Vortrag beim Bildungswerk Achern über die Enzyklika „Magnifica humanitas“
„Erfreulich, dass der Papst sich schon vor dem großen Medieninteresse der letzten Wochen zum Thema Künstliche Intelligenz geäußert hat!“, so eine Teilnehmerin an dem gut besuchten Vortragsabend des Bildungswerks Achern am vergangenen Donnerstag, 8. Oktober, zur Enzyklika „Magnifica humanitas – über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ von Papst Leo XIV.
„Ist die Macht der Reichen und Mächtigen der Welt noch kontrollierbar?“ war der Vortrag von Matthias Hugoth aus Freiburg überschrieben. Die warnenden Äußerungen führender KI-Unternehmen in den letzten Wochen machen die Brisanz des Themas deutlich.
Hugoth ordnete die Enzyklika ein in die Katholische Soziallehre, die zum festen Glaubensgut der Kirche gehöre. Päpstliche Lehrschreiben der zurückliegenden 135 Jahre dokumentieren die Christliche Gesellschaftslehre, wie sie sich durch die wechselnden gesellschaftlichen Herausforderungen entwickelt hat. Schon mit seiner Namenswahl stellt sich der jetzige Papst Leo XIV. in die Tradition von Leo XIII. Dieser hatte 1891 mit seinem Rundschreiben „Rerum novarum“ über die Arbeiterfrage infolge der industriellen Revolution ethische Antwortversuche aus der christlichen Botschaft gegeben. Dass „Magnifica humanitas“ am Jahrestag dieser ersten Sozialenzyklika unterzeichnet wurde, macht deutlich, dass Papst Leo XIV. das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz als einen ähnlichen Epochenwandel versteht.
Der Theologe Matthias Hugoth war Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg und plädiert mit dem Papst für eine enge Zusammenarbeit der christlichen Kirchen und darüber hinaus der Weltreligionen in ethischen Fragen. Bei seiner langjährigen Tätigkeit im Deutschen Caritasverband sei ihm die praktische Relevanz der theologischen Grundlagen deutlich geworden.
Zum Erstaunen vieler Beobachter verurteilt der Papst in seinem Schreiben die KI nicht, sondern bezeichnet sie als eine große Hilfe für den Menschen. Entscheidend seien aber die Fragen des Einsatzes, der Kontrolle und der Weiterentwicklung der KI. Immer wieder spricht der Papst in diesem Zusammenhang davon, dass die KI „entwaffnet“ werden müsse. Die heutige Logik des bewaffneten Wettbewerbs sei nicht nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher und gedanklicher Natur. Sein Appell geht auch an die Medien und an jeden Menschen: „Entwaffnen wir die Worte!“
Schon im Titel der Enzyklika kommt das positive Menschenbild Leos zum Ausdruck: „Magnifica humanitas“ – das heißt „die großartige Menschheit“. Sie habe Wunderbares geschaffen in ihrer Geschichte, so der Papst. Leo erinnert an die gleiche Würde aller Menschen und die Menschenrechte als „eine der höchsten Ausdrucksformen des menschlichen Gewissens“. Zugleich spielt der Titel des Rundschreibens an auf das „Magnificat“ der Mutter Jesu im Evangelium: „Meine Seele preist die Größe des Herrn“. Dieses Loblied drückt die subversive Kraft des Glaubens aus: Gott „stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“. Aufgabe der Kirche sei es, diese Haltung gegenüber den „Mächtigen und Reichen“ immer wieder einzufordern. Allerdings müsse sich die Kirche auch selbst an diesem Maßstab messen lassen und Gewissenserforschung betreiben. Der Papst nennt in diesem Zusammenhang die synodale Weiterentwicklung der Kirche, Hugoth erinnert an die Rolle der Frau in der Kirche.
Aber, so eine kritische Frage aus dem Publikum, werden die Mächtigen der Welt diese Enzyklika lesen – Präsidenten, Tech-Bosse, Wirtschaftsführer? Wahrscheinlich nicht, so Hugoth. Entscheidend sei aber, dass Christen auf allen Ebenen diese Fragen aufgreifen, nicht nur der Papst. Bischofskonferenzen und Verbände müssten darauf eingehen und in ihre konkrete Situation übersetzen. Auch jede und jeder Einzelne sei aufgefordert, im jeweils eigenen Umfeld die Augen offen zu halten und entsprechend Position zu beziehen. Ähnlich antwortete Hugoth auf die Frage, ob denn der christliche Glaube überhaupt noch an die nächste Generation weitergegeben werden könne. Auch in der Familie sei es von großer Wichtigkeit, Lebenssituationen im Gespräch aufzugreifen und von eigenen (Glaubens-) Erfahrungen zu erzählen.
Zum Abschluss des Abends aus dem Publikum die Anregung, doch einmal die KI zu befragen, wie sie die Enzyklika „Magnifica humanitas“ über die KI beurteile.
Clemens Bühler